Stadtgrün contra Funktionalität

Auch Bürgergemeinschaft Stadtmitte kritisiert Wegfall von Bäumen für Bau der Integrierten Leitstelle / Landrat: Fällung vertretbar.

Nach der Offenburger Grünen-Fraktion kritisiert auch die Bürgergemeinschaft Stadtmitte, dass für den Bau einer neuen Integrierten Leitstelle beim Landratsamt bis zu sieben Platanen fallen sollen – obwohl es Alternativlösungen gibt. Landrat Frank Scherer dagegen sieht in einem ausführlichen Schreiben an Grünen-Fraktionschef Ingo Eisenbeiß “keinen nennenswerten Eingriff” und verweist unter anderem auf geplante Ersatzpflanzungen. Er sagte aber fürs weitere Verfahren eine Prüfung zu, ob Bäume erhalten werden können.

“Aus der Badischen Zeitung konnten wir erfahren, dass die neue – längst fällige – Integrierte Leitstelle nun auf dem Gelände des Landratsamtes realisiert werden soll. Dies finden wir aufgrund der Sicherheit in Offenburg und Umgebung gut”, schreibt Vorsitzender Ingo Fritz im Namen der Bürgergemeinschaft Stadtmitte. “Nicht gut finden wir allerdings, dass trotz einer klaren Forderung in der Ausschreibung den Baum- und Grünbestand, soweit dies möglich ist, zu erhalten, beide Siegerentwürfe dies in keiner Weise einhalten: Hier sollen alle Bäume dem Gebäude zum Opfer fallen.” Wer die Gegebenheiten kenne, wisse, dass gerade diese groß gewachsenen Bäume entlang der Walter-Clauss-Straße und damit auch den Wohneinheiten gegenüber des Landratsamts Schatten spenden. “Gerade jetzt, wo die Hitze bis 40 Grad geht und die Sonne unerträglich wird, wo man auf den betonieren Straßen, die sich zunehmend aufheizen, immer wieder Schatten sucht, können wir es nicht nachvollziehen, dass man sieben Platanen für einen Neubau opfern möchte. Schon gar nicht, weil es durch einen weiteren Entwurf nachweisbar anders geht, mit dem Erhalt von fünf Bäumen”, schreibt Ingo Fritz.

Platanen an der Walter-Clauss-Straße. Foto Helmut Seller

Natürlich sei das Landratsamt ebenfalls frei in seiner Entscheidung, da in Offenburg die Baumschutzordnung bekanntlich aufgehoben wurde. Jedoch müsse sich die Behörde als öffentliche Institution ihrer Vorbildrolle beim Naturschutz und in der Klimakrise bewusst sein und auch als Beispiel dafür vorangehen, wie Bauen funktionieren könne. Dies sei mit einer Terrassen- oder Dachbegrünung nicht getan. “Wer sich kundig macht weiß, dass es gerade in Städten immer wichtiger wird, Bäume und Grünbestände für die Beschattung und Kühlung des Straßenraumes, aber auch für die Sauerstoffproduktion zu erhalten oder sogar aufzuforsten”, so Fritz. “Den Bewohnern der gegenüberliegenden Wohnungen in der Walter-Clauss-Straße jedenfalls nutzt es nichts, wenn für die eventuell gefällten Bäume an anderer Stelle eine Ersatzpflanzung erfolgen würde.” Aber selbst für die Leitstelle an sich stelle sich die Frage, ob Bäume, die sich vor den Fenstern befinden, nicht ein Wohlbefinden auslösen, anstatt eine freie Sicht auf Beton. “Die Klimakrise muss im Kleinen angegangen werde und hier sollte das Landratsamt als Vorbild vorausgehen.” Sicher könnte man einen Kompromiss in den Entwürfen schaffen und mit etwas Planungsänderung eine funktionale Leitstelle in dem bestehenden Baum- und Grünbestand integrieren. Die Städte benötigten immer mehr Baum- und Grünbestand, Offenburg bilde keine Ausnahme – ohnehin mit Blick auf die Landesgartenschau.

Landrat Frank Scherer ist nach der Kritik von Grünen-Fraktionssprecher Ingo Eisenbeiß (BZ vom 11. Juli) sehr ausführlich auf die Notwendigkeit zum Bau der Integrierten Leitstelle eingegangen, deren Leistungsfähigkeit zunehmend an Grenzen stoße. Scherer erläuterte die aufwändigen Machbarkeitsuntersuchungen, aus denen der Standort an der Walter-Clauss-Straße als am besten geeignet hervorgegangen sei. Im Realisierungswettbewerb seien die beiden städtebaulich, architektonisch, vor allem aber auch funktional besten Entwürfe als Sieger prämiert worden. Seine Verwaltung, so Scherer, habe auch den Baumbestand naturschutzfachlich bewertet. “Demnach sind die ahornblättrigen Platanen geringwertiger als heimische Baumarten anzusehen.” Sie würden vor allem als Brutplatz von Rabenvögeln genutzt, die eventuell umgesiedelt werden müssten. Fazit: “Eine Fällung ist unter Abwägung aller Gründe vertretbar und bedeutet keinen nennenswerten Eingriff, zumal Ersatzpflanzungen vorgesehen sind.” Laut Scherer würden die Preisträger aber aufgefordert zu prüfen, weitere Bäume zu erhalten. Der Landrat mahnt zudem: Sollte das Projekt trotz Machbarkeitsstudie und jahrelanger Abstimmungen mit der Stadt keine Zustimmung im Gemeinderat finden, würde sich der dringend benötigte Neubau der Leitstelle erheblich verzögern.

Quelle Badische Zeitung: https://www.badische-zeitung.de